Es gab einmal Zeiten, in denen ich wirklich unwahrscheinlich viele Bücher las. Wenn man den Schnitt von 3. bis 10. Klasse zieht, las ich vielleicht alle drei Tage ein neues Buch. Ich hatte damals ja fast den ganzen Tag Zeit – morgens Schule, nachmittags ein bisschen Hausaufgaben und dann ab aufs Bett und gelesen.
Unpassenderweise war Fernsehen immer ein konkurrierendes Hobby. In der elften Klasse war dann sehr abrupt Schluss mit der Leserei, als ich mir zum Geburtstag einen Fernsehen kaufen durfte. Zwischenzeitlich war es so krass, dass ich in Filmen die Passagen ohne Dialoge vorspulte, da ich die Handlung ja auch bei 4-facher Geschwindigkeit mitbekommen konnte. Schließlich hatte ich ja noch so viele Videos, die ich sehen musste. Muss wohl ein Hochpunkt der Pubertät gewesen sein.
Vom unersättlichen Konsumenten zum maßvollen Genusszuschauer bin ich erst geworden, als ich ein Forum im Internet entdeckte, in dem ich mit anderen Menschen über alle möglichen Themen diskutieren konnte. Als ich damals von einem gelegentlichen, passiven Konsumenten des Internet zu einem regelmäßigen Teilnehmer wurde, fiel mir auch auf, und hier schlage ich den Bogen zurück zum Lesen, wie arm meine Sprache in diesem einen buchfreien Jahr geworden war. Nicht nur meine Schriftsprache verlor an Substanz, sondern auch meine verbale Ausdrucksfähigkeit nahm ab. Ich befand mich in einer dummen Lage: Fragmente sprachlicher Konstrukte vermengten sich beim Sprechen. Sowas hört sich dann an, als ob man schneller spricht als denkt – so ist es ja auch: Wenn man etwas ausdrücken will, aber auf die intuitiven Wendungen unvermittelt nicht mehr zugreifen kann, muss man ständig geistig umformulieren. Das kostet Zeit, die man nicht hat. Es ist zudem mühsam, sich ein neues Sprachiveau zu suchen.
Zwar stapeln sich bei mir nun immer noch die Bücher, aber leider komme und komme ich nicht durch. Ganz abgesehen davon, dass mein Ausdrucksvermögen stagniert, liegen noch ganze Autorenfelder unerschlossen vor mir. Bezüglich großer Ökonomen beispielsweise bin ich ein vollkommener Ignorant, abgesehen von ein bisschen Halbwissen. Dabei gehe ich doch in ein paar Tagen unter die Wirtschaftsingenieure!
Doch, jetzt fällt es mir ein, eine Lösung gibt es: Wenn ich nicht mehr so viel surfen und bloggen würde… halt, nein, was für ein absurder und lächerlicher Gedanke!