Herman bei Kerner
Ich bin ein wenig spät dran, hätte schon früher dieses recherchieren bzw. nachvollziehen müssen: Was ist da nun wirklich gelaufen in der Sendung Kerner vs. Herman? Dank des neuen Zeitalters habe ich, haben wir alle die Möglichkeit, die fragliche Sendung in einer hervorragenden Qualität (der zum Trotz mein Browser mehrfach und reproduzierbar mitten im Film abstürzt) beim ZDF abzurufen. Dazu möchte ich bemerken, dass ich die längste Zeit, in der vielleicht mit Eva Herman, hauptsächlich aber wohl über sie debattiert wurde, nicht in Deutschland gewohnt habe. Daher bin ich weitgehend frei von Impressionen der Tagespresse und anderen Medien aus dieser Zeit. Auch habe ich nicht ein Wort ihrer Bücher gelesen.
Ich möchte mich daher auf das beschränken, was mir als Zuschauer in dieser Sendung geboten wurde. Da wäre zunächst einmal der Moderator, der wiederholt von Eva Herman verlangt, sie solle eine Aussage zurücknehmen, welche sie selbst zu Beginn glaubhaft versichert, in dieser Form niemals geäußert zu haben, und welches sie auch anhand eines Ausschnittes aus einem Tonbanddokument und mit Verweis auf ihr antineonazistisches Engagement zu untermauern sucht. Sein Vorgehen erinnert mich dabei sehr an eine Frage der Inquisition: “Lästerst du immer noch Gott? Antworte mit ja oder nein!” Auch diese Frage impliziert bereits einen Sachverhalt, den man mit der vorgegebenen Antwort nicht mehr ausräumen kann.
Wann immer Eva nun dargelegt hat, dass die ihr zugeschriebene Aussage selbst, wegen derer man an jenem Abend überhaupt zusammengekommen war, mit ihrer eigentlichen Meinung und Intention nichts zu tun hat, macht Kerner Tabula rasa und beginnt von neuem mit seiner kleinen Inquisition. Dies erinnert frappant an ein weiteres Element unserer Kulturgeschichte: Die Arbeit des Sisyphos. Wir erinnern uns, diese bestand darin, einen Stein einen steilen Hang hinaufzurollen; wann immer er sein Werk fast vollbracht hatte, entglitt ihm der Stein, rollte bergab, und Sisyphos musste von neuem beginnen. Umso lächerlicher, dass das dann später wiederholt als “ihr eine Brücke bauen” interpretiert wird.
Bei der Kulturgeschichte angekommen, wäre da passenderweise der Quotenexperte zu erwähnen; ein Historiker und Professor, der in dieser Sendung ein Bild abgibt, dessen sich jeder Akademiker nur schämen kann. Gleich in seinem ersten Beitrag zieht er voll auf die als ultrakonservativ-nazistisch dahingestellte Geisteshaltung Eva Hermans ab, ohne diese Mutmaßung angesicht Hermans unmittelbar vorausgegangener Verteidigung auch nur in irgendeiner Weise zu reflektieren. Eva Herman pariert sein an dieser Stelle vollkommen verfehltes Plädoyer gegen Geschichtsklitterei mit der von ihm unwidersprochenen Feststellung, dass er noch nicht einmal ihre Bücher gelesen haben könne: denn genau jenes, worauf er sich bezogen hatte, habe sie selbst in ausführlicher Breite in einem Unterkapitel dargelegt. Dass Herman sich im späteren Verlauf der Sendung weigert, weiter mit ihm zu diskutieren, ist angesichts seiner fortgesetzten Unterstellungen, welcher sich Herman mit Verweis auf die anfänglich gegebenen Ausführungen mehrfach erwehrt hatte, nur allzu verständlich.
Was die Beiträge der andern Gesprächsteilnehmer angeht, so kann und will ich gar nicht zu weit ins Detail gehen, denn es lohnt sich kaum. Ein Hin und Her, man redet aneinander vorbei; viele Versuche Hermans, sich gegen immer gleiche Behauptungen zu verteidigen. Markant sind da noch, dass Senta Berger einräumt, Hermans Bücher ebenfalls nicht gelesen zu haben, sowie das schlichte Gebabbel eines einfältig wirkenden Mario Barth, der auch noch selbst zugibt, von Diskussion und Thematik überfordert zu sein. Kurz vor dem Rauswurf Hermans lassen die beiden älteren Damen dann erkennen, dass sie überhaupt nicht bereit sind, auf der Basis wissenschaftlich fundierter Fakten zu diskutieren. Da wird mit dem Kopf geschüttelt und werden die Augen verdreht, wenn Herman die Erfahrungen der Bindungs- Säuglings- und Hirnforschung referenziert, welche klar ein von Kerner vorgelesenes Zitat aus einem ihrer Bücher über die Wichtigkeit der Mutter-Kind-Bindung stützen. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen weigern sich die besagten Damen nach einem kleinen Hickhack über mutmaßliche Korrelationen zwischen der Zahl an Neugeborenen und der an Betreuungsplätzen, wo es zum ersten Mal interessant hätte werden können, das Gespräch fortzuführen, und Kerner verabschiedet Herman aus der Sendung. Der Rest ist keinesfalls erwähnenswert.
Ich würde mir wünschen, dass alle Beteiligten einmal in Ruhe diese Sendung ansehen, gründlich darüber nachdenken, worüber hier eigentlich diskutiert wurde, und erkennen, wer hier wirklich “der Böse” war. Eva Herman hat nichts weiter versucht, als klarzustellen, dass sie von einer Verherrlichung des Nationalsozialismus so weit entfernt ist wie Walter Mixa vom Fortschrittsglauben. Der Rest der Runde hat, nach meinem Eindruck, Herman bewusst oder unbewusst missverstanden, Nebelkerzen geworfen und abseitiges Zeug von sich gegeben. An Aufklärung war keiner außer Herman interessiert; alle machten sich daran, Herman den Dämon auszutreiben, der sie vermeintlich besäße.
Den größten Schaden hat, wieder einmal, unsere Diskussionskultur davongetragen, sofern es so etwas bei uns noch gibt. Die braune Keule lässt sich trefflich schwingen! Wehe, wenn sie losgelassen, unsere “moralischen Instanzen”. Da legts dich nieder, und zwar sehr effizient.
Bei Welt Online hat man sich von allen mir bekannten Medien noch am ehesten bemüht, eine sachliche Chronologie der Show zu erstellen. Leider ist es bei Bemühungen geblieben. Es wurde auch hier missverstanden, wie Eva Herman sich in der Sendung gegenüber der NS-Familienpolitik positionierte und verstanden werden wollte, nämlich ablehnend. Das anmaßende Verhalten des Historikers, der ihr das Gegenteil unterstellte, kommt nicht zur Sprache.
Außerdem lesenswert ist ein Eintrag bei Law on the Blog. Daran erinnert, dass ich einmal das Buch “Psychologie der Massen” von Gustave Le Bon lesen wollte, hat mich der Eintrag beim Geschmacksberater. Hier gleich als E-Book.
Nachtrag:Â Jetzt ist mir auch der Artikel bei der HNA bekannt, in dessen Kommentaren sehr gut zusammenfasst wird, was da vor aller Augen gelaufen ist.
Respekt,mein Lieber,damit hast du eine wirklich gute Arbeit abgeliefert. Sei aber wachsam, wissenschaftliche Herangehensweise, sorgfältiges analysieren ist nicht das, was die Masse will. Das Buch “Psychologie der Massen” befindet sich übrigens in meinem Besitz. Ich habe es gelesen und werde es demnächst noch einmal lesen. Lese übrigens gerade ein hervorragendes Buch von Henryk M. Broder: Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken. Auch da geht es um sogenannte political correctness, oder das, was sich dafür hält.
Gruß, Onkel B.
Vielen Dank! Werde das Buch in meine Literaturliste aufnehmen. Leider sieht man deinen Kommentar nicht in der Sidebar, da du ihn anonym abgeschickt hast. Das ist ärgerlich, dummes Wordpress-Theme…
[...] Dank an Blog-Kollege Manuel Fritsch f
…das, was gut war…
Deiner Analyse kann ich nur zustimmen. Zwar bin ich schon der Meinung, dass Frau Herman mit ihre zitieren Äußerung einen Fehler gemacht hat. Aber in dieser bedrängenden Atmosphäre war es Frau Herman sicher unmöglich das zuzugeben. Allerdings provoziert sie wohl auch ganz gerne. Das mit dem Autobahnbau sollte man nicht bringen, wenn man Ex-Tagesschau-Sprecherin ist und im Rampenlicht steht. Da sollte man seine Wortwahl bedenken. Insofern kann ich mich der massiven Kritik an Herrn Kerner (siehe Artikel in der aktuelle Ausgaben der Zeitschrift Focus, den ich heute zufällig im Sportstudio las) zwar anschließen, mag aber Frau Herman nicht ausschließlich als bemitleidenswertes Opfer sehen. Für mich war die Talkrunde jedenfalls eine abgekartete Sache. Am meisten enttäuscht war auch ich von dem Historiker. Der sollte sich was schämen.
@PP:
Lass dich doch von dieser sinnlosen Aufregung der beiden Damen nicht anstecken. Herman hat lediglich gesagt, dass man auch das Wort “Autobahn” noch benutzen dürfe, seiner Quelle zum Trotz. Ich kann daran nichts Anstößiges finden. Sie hat ja nicht behauptet, die Autobahnen seien etwas gewesen, das in der NS-Zeit gut gewesen sei. Wer den Unterschied nicht erkennen kann, der hat in keiner um Seriösität bemühten Talkrunde etwas zu suchen. Aber okay, dann geht man halt zu Kerner.
Es ist halt so, und das weißt du vielleicht nicht: Von meiner Großeltern-Generation war gerade eines oft zu hören: “Bei Hitler war nicht alles schlecht, er hat immerhin die ersten Autobahnen gebaut.”
Glaub ich gern, aber es ändert nichts daran, dass wir alle das Wort Autobahn jeden Tag benutzen, und keiner regt sich auf. Warum sollte Herman das denn nicht als Beispiel nehmen dürfen? Wir zeichnen hier gerade ziemlich genau die Sendung nach: Herman dürfe das Wort Autobahn nicht benutzen, weil sie in der Naziecke steht, sagst du sinngemäß, und ich sage, sie darf es benutzen, weil sie eben kein Nazi und damit unbelastet ist. Schade, dass Kerner nicht auf diese Metaebene wechselte, als er die Chance hatte. Er scheint kein besonders guter Krisenmanager zu sein.
Natürlich hätte Herman auch sagen können: “Hitler hat bestimmt auch mehrfach gesagt: ‘Ich muss aufs Klo!’. Trotzdem bin ich kein Nazi, wenn ich heute das Gleiche sage!” Aber für ein so unschuldiges Beispiel war in der Hitze des Gefechts vielleicht keine Zeit. Für mich bleibt die Reaktion der beiden Tanten jedenfalls absolut hirnrissig und unreif.
Kerner ist nicht nur kein besonders guter Krisenmanager, sondern ich halte ihn auch für ein wenig einfältig. Da kann man mit solchen Talkrunden schnell überfordert sein.