Die Länge des Jahres
Kinder empfinden ein Jahr viel länger, weil sie viel mehr erleben als Erwachsene: Sie lernen in der Schule viel Neues, Hobbies und Interessen kommen und gehen auch ziemlich schnell bei den meisten. Ich weiß das noch sehr gut von mir. Erwachsene hingegen machen doch irgendwie immer dasselbe: Sie gehen Jahr um Jahr zur gleichen Arbeit (wobei die allermeisten Jobs ohne und selbst manche mit Hochschulqualifikation bestimmt elend öde sind) und in der Freizeit lernen sie auch nix mehr, sondern müssen sich um den Haushalt kümmern und danach fernsehen, um sich von der vielen Arbeit zu entspannen.
Ich glaube, wenn Erwachsene (insbesondere Berufstätige) ihr Leben spannender gestalten könnten bzw. würden, dann käme es ihnen auch nicht so vor, als sei die Zeit mal wieder dahingeflogen wie nichts. Später brauchen sie dann auch nicht zu bereuen, dass sie nichts erlebt haben und ihr Leben so schnell vorbei war. Außerdem brauchen nachfolgende Generationen sich dann nicht erzählen zu lassen, dass es als Kind ja sooo schön war, aus der Sicht eines Kindes ist das nämlich ziemlicher Schwachsinn. Ich bin ja längste Zeit meines Lebens Kind gewesen, mir braucht keiner was zu erzählen.
Jedenfalls, wenn ich so an mein Jahr zurückdenke, dann habe ich insbesondere im Sommer eine ganze Zeit lang einfach nichts gemacht, dessen ich mich erinnern würde. Von Juni bis Oktober hatte ich quasi eine nahezu erlebnisfreie Zeit – ich will nicht sagen, mein Praktikum war nicht lehrreich, aber spannend geht anders. Dagegen habe ich ab Oktober richtig viel erlebt, gerade eben, weil ich erleben wollte und endlich wieder konnte. Ich hoffe, dass ich mit dem Diplom nicht das Erleben einstellen muss. Wäre echt schade!
Also, liebe Erwachsenen, macht was aus eurer Freizeit, wer es nicht bereits tut.
Schreib’ Tagebuch. Du wirst sehen, du erlebst mehr, als du wirklich in Erinnerung behälst. Ich glaube nicht, dass Kinder ein spannenderes Leben haben, weil sie so viel Neues durchmachen, sondern eher, weil sie einfach mit viel mehr Begeisterung und Neugierde an die Dinge rangehen, und somit viel mehr Erlebnisse speichern. Diese unbedarfte Neugierde weicht mit zunehmendem Alter… nun, eben dem, was die meisten Erwachsenen (leider) ausmacht – Pragmatismus, kühle Berechnung, Pessimismus, Nüchternheit etc. pp.; da bleibt nicht mehr viel für Fantasie und Begeisterungsfähigkeit. Merkt man ja an Weihachten. Da hat man sich früher drauf gefreut wie ein Schnitzel, und wenn man sich bei Erwachsenen umhört, nervt es die meisten nur noch.
Schade, Schade.
Tja, so denkt man also in den frühen Erwachsenenjahren.
Aber ist euch bewusst, dass ein Tag im Leben eines Kindes in Relation zu seinem Lebensalter viel mehr Raum einnimmt als bei einem zunehmend älter werdenden Erwachsenen?
Euer Großonkel Dietrich, mittlerweile schon stolze 82 Jahre alt, meinte neulich zu mir, er habe das Gefühl, alle zwei Wochen Geburtstag zu haben.
Und auch ich, immerhin um einiges jünger, bemerke, wie mit zunehmendem Lebensalter die Zeit schneller vergeht und die Jahre kürzer werden. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als ich im Referendariat war und Ursel kennenlernte. Wenn ich nochmal so lange arbeite, wie das mittlerweile her ist, kommt schon bald die Rente, dann bin ich nämlich 64 Jahre alt.
Ein sehr interressantes Buch, wenn stilistisch auch nicht unbedingt Weltliteratur, ist von Simone de Beauvoir und heißt “Alle Menschen sind sterblich”. Darin beschreibt sie einen Menschen der unsterblch ist und schon viele hundert Jahre alt ist. Vom Thema her sehr lesenswert.