In der Nacht zum Donnerstag ging es mit dem Auto eines Mitbewerbers zu viert nach “Frankfurt-Hahn”, um von dort aus nach Berlin zu fliegen. Insgesamt sechs Mann aus Kaiserslautern waren für diesen Durchgang neben dreißig anderen Bewerbern um ein Stipendium eingeladen worden, sich zum Assessment Center der Stiftung der Deutschen Wirtschaft in Liebenberg bei Berlin einzufinden. Ein spannendes Erlebnis, das mir hoffentlich noch lange lebhaft in Erinnerung bleiben wird.
Nach der Landung in Schönefeld fuhren wir zunächst in die Stadtmitte, sahen uns dort den Reichstag, das Bundeskanzleramt und andere bundesdeutsche Attrationen an. Interessant, wie viele Chinesen sich einmal Demokratie live anzusehen kamen. Ob die später wieder ins eigene Land gelassen werden? Jonathan, auch aus Kaiserslautern, hielt ihnen auf der Treppe zum Reichstag einen kleinen Vortrag in ihrer Muttersprache (Bewunderung von meiner Seite!). Nach einem Mittagessen in irgendeinem verkehrsreichen Stadteil (endlich weiß ich, was ein “Scharwama” ist: Ein Gericht, das einem Hähnchendöner ähnelt) fuhren wir dann ab Berlin Hbf nach Grüneberg, einem Nest außerhalb Berlins. Vom Bahnhof wurden wir mit einem Shuttlebus abgeholt, der uns über bucklige, krumme und enge Straßen, die mich an jene auf einer schwedischen Schäreninsel erinnerten, zum exzellenten Tagungshotel “Schloss und Gut Liebenberg” brachte.
Vor Ort konnten wir noch eine Weile mit den Teilnehmern des vorherigen Durchgangs reden und einige Tipps abgreifen: G8 (Schule) und Mindestlohn seien Themen, die eine wichtige Rolle spielen würden; man solle nicht nervös sein, denn die Stimmung sei sehr entspannt; und wer rechtzeitig im Tagungsbüro sei, könne jeweils der erste seiner Vierergruppe sein. Letzteres fand postwendend Berücksichtigung.
Um 17.30 Uhr begann das Programm mit einer Vorstellungsrunde seitens der Juroren bzw. “Beobachter”. Einer von Ihnen (sehr beschäftigt bei der Logistiksparte eines deutschen Großkonzerns und selbst Alumnus der sdw) nutzte die Gelegenheit, ein paar nette Worte über Blogs und Haargel zu sagen. Übrigens: Wider Erwarten hatte niemand einen Backslick, daher brauchte ich während der gesamten Zeit nicht ein Gramm Gel anzuwenden, obwohl ich erfolgreich eine Flasche ins Flugzeug geschmuggelt hatte
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Schon eine halbe Stunde später bekamen wir die erste Aufgabe vorgelegt: Schreibe einen Aufsatz zum Thema G8 (Verkürzung der Schulzeit). Gut, wenn man einen Haufen Lehrer in der Verwandtschaft hat; so war dieses kein unbekanntes Terrain. Zudem war hinlänglich bekannt, dass ein Aufsatz die erste Aufgabe sein würde. Daher hatte ich vorab zusätzlich meine schwachen Erinnerungen zum Thema Erörterung aufgefrischt, auch wenn ich mich dann mangels Zeit, Platz und ausgewogener Argumente nicht wirklich an die Regeln hielt. (Regeln, was sind schon Regeln…)
Nach einer sehr knappen Stunde war bereits Abgabe und man fand sich strax in seinem jeweiligen “Kommissionsraum” ein, wo in Vierergruppen unter gleich zweifacher Beobachtung über Thema, Vorbereitung und Inhalt eines fiktiven sdw-Seminars diskutiert wurde. Hier galt es, möglichst kooperativ zu sein und die Gruppe voranzubringen, anstatt sein Thema durchzuboxen; man bot mir aus der Gruppe die Rolle des Moderators an, welche ich annahm. Von allen Aufgaben des Auswahlverfahrens erschien mir diese insgesamt als die schwierigste, da sie ausgesprochen viel Selbstbeherrschung und Taktgefühl erforderte (Fähigkeiten, die sich bei mir erst spät zu entwickeln begannen – ich weiß!).
Danach begann der entspannte Teil des Abends in Form eines Vorstellungsspiels, bei dem ich gleich meinen neuen Freund aus Vallendar vorstellen durfte, den Vorsitzenden eines großen Vereins an der WHU (hoffe, er hat nichts gegen die Andeutung…). Wir hatten uns schon vorher miteinander bekannt gemacht, als er in der Einführung meine in Richtung des Nebenmanns geäußerte Vermutung der Vallendarer Herkunft dreier Studentinnen mitbekam. Seine Uni sollte später intensiv diskutiertes Abendessensthema sein. Ein Glas Wein (sic) und wenig Schlaf in der Nacht zuvor taten jedoch irgendwann das Ihrige, und ich ging relativ früh zu Bett.
Am nächsten Morgen brauchte ich dann erst vier Stunden später als am Vortag, um halb sieben, aufzustehen und mich mental auf das an das Frühstück anschließende Einzelgespräch vorzubereiten. Erster meiner Gruppe, schloss sich direkt meine Vorbereitungszeit zur Einzelpräsentation an (2:25h); die anderen hatten jeweils zu einem Zeitpunkt mitten in ihren Vorbereitungen die Ehre. Ausgleichende Gerechtigkeit: Meine Nachfolger hatten sukzessive bis zu 45 Minuten mehr Zeit zur Verfügung.
Das Gespräch war dann ein rechtes Stakkato an Fragen zu Lebenslauf, Ansichten, Zielen und Vermischtem. Glücklicherweise blieben mir fiese Fragen, wie sie von einem anderen Juror kolportiert wurden, größtenteils erspart. Auf “Wenn Ihnen die sdw eine Million Euro gäbe, was würden sie damit anstellen?” wäre mir sicher keine vernünftige Antwort eingefallen. Eine Spende an Birma hätten die mir nie abgekauft, und wenn ich es als Startkapital in meine erste eigene Firma gesteckt hätte, wäre ich ein Egoist gewesen. Aus Trotz hätte ich vielleicht gesagt, dass ich die eine Hälfte in Frauen und Alkohol investieren und die andere Hälfte einfach verprassen würde. Was dann auch wieder zu der mir später attestierten Plakativität (meiner Einzelpräsentation) gepasst hätte.
Die Präsentation war mir dann doch die angenehmste von allen Aufgaben, da ich in Schweden in jedem Kurs eine Präsentation hatte halten müssen. Erfahrung war also ausreichend vorhanden. Auf dem herrlichen Parkgrundstück hinter dem Schloss mit Teichen, Rasen und Wegen drumherum hatte ich mich zuvor ausführlich vorbereitet und mir selbst präsentiert, um meinen Zeitbedarf anzupassen: Nichts ist schlimmer als eine zu lange Präsentation, besagen die Gesetze des heiligen PowerPoint. Das Thema lautete “Datenschutz”; als überzeugter Teilnehmer der Verfassungsklage gegen die Vorratsdatenspeicherung war auch meine Präsentation aufrüttelnd. “Schäuble, nimm dich in acht, ich komme”, hatte ich mir gedacht, um mich einzustimmen.
Seiner persönlichen Referentin hätte es zwar nicht so sehr gefallen, lautete später die Kritik (eben plakativ), aber die war zum Glück nicht anwesend. Wobei ich den Raum nicht auf Wanzen kontrolliert hatte; im Zweifel liegt ihr das Protokoll bereits vor. Zum Glück bin ich nicht im RCDS, sonst könnte es jetzt Ärger geben…
Nach dem abschließenden Feedback (ich sei zu ausschweifend: wie die nur auf sowas kommen, keiiine Ahnung…) waren die ersten, darunter auch ich, dann ziemlich flott wieder auf dem Weg zur Bahn, da eigentlich jeder es eilig hatte, irgendeinen Flug, Zug oder, in meinem Falle, eine Herberge zu erreichen. Entsprechend kurz fiel die Verabschiedung aus – ich hoffe aber, möglichst viele einmal wiederzusehen, nach Möglichkeit als Stipendiat natürlich! Nachricht diesbezüglich erfolgt irgendwann demnächst.
Nach einer entspannten Nacht in einer Berliner Pension flogen wir Lauterer dann am Samstagmorgen zurück nach Hahn. Um elf Uhr wurde ich vor dem Haus abgesetzt, um zwölf begann die Landesmitgliederversammlung der LHGs Rheinland-Pfalz und um zwei war ich Stellvertretender Landesvorsitzender. Aber das interessiert ja hier bestimmt mal wieder niemanden und der Eintrag ist ja auch schon lang genug
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Nachtrag: Die Vallendarer waren im Übrigen sehr entspannt und nett und haben sich geduldig meine vielen Fragen angehört und beantwortet. Ich hatte also bzgl. Ernsthaftigkeit komplett daneben gelegen!
Nachtrag 2: Einige kurze Anmerkungen für Leser, die selbst einmal ins AC müssen: Auch AC-Aufgaben kann man lernen. Präsentationstechniken, Rhetorik, Verhalten in Gruppen und schöne Antworten auf investigative Jurorenfragen sind kein Hexenwerk. So bieten an vielen Unis Hochschulgruppen AC-Trainings bzw. jeweils Seminare zu einzelnen Themen an. Für Schüchterne empfehlen sich besonders Debattierclubs, da hier das freie Sprechen trainiert wird. Die Friedrich-Naumann-Stiftung und MLP sind zwei von sicherlich vielen weiteren externen Anbietern, die entweder kostenlos oder für einen symbolischen Beitrag hochwertige Seminare anbieten, die allen Interessierten offen stehen. Was leider nicht funktionieren dürfte, ist eine (Selbst)Einführung im Hauruckverfahren, kurz bevor es ernst wird. Stattdessen sollte man versuchen, Gelegenheiten wahrzunehmen wo sie sich bieten. Irgendwann kann man dieses Wissen dann gewinnbringend einsetzen.