Es war einmal, es war einmal…

Vor einigen Jahren wollte ich mir ein bestimmtes Buch von meinen Eltern schenken lassen. Diese jedoch weigerten sich standhaft. Was war geschehen? Hatte ich mir eine Glatze rasieren lassen, Springerstiefel angezogen und mir eine Originalausgabe von “Mein Kampf” gewünscht? Oder hatte ich die Blumenkästen auf meinem Balkon für mich entdeckt und nach dem “Handbuch für die Marihuana-Zucht in Haus und Garten” verlangt? Handelte es sich vielleicht um eine Hochglanzausgabe des Kamasutra, oder um den (indizierten) Comic “Donald Duck – Häuserkampf in Entenhausen”?

Nein, nichts dergleichen. Es war mein Begehr, das von Guido Westerwelle mit Blick auf das Wahljahr 1998 geschriebene “Neuland“, und damit zum ersten Mal ein Buch eines Liberalen zu lesen. Da jedoch meine Eltern über den Liberalismus leider nicht viel wissen und mir in diesem Zusammenhang ausschließlich mit Plattitüden und Vorurteilen begegen, konnte ich sie leider nicht dazu bewegen. Ich denke, diese Abwehrhaltung gegenüber “liberal” und FDP ist zwar ungerecht, aber nachvollziehbar – meine Eltern kann ich schon verstehen: Westerwelle gelang es in langjähriger Führung der FDP nicht, den Ruf der “Partei der Besserverdienenden” letztlich abzulösen. Klassische liberale Themen aufzugreifen, das überließ man lieber der Friedrich-Naumann-Stiftung, die sich redlich müht, ihre verschwindend kleine Zielgruppe zu vergrößern. Stattdessen wurde mit sinnlosen Aktionen wie einer Kanzlerkandidatur oder einem inhaltsleeren “Projekt 18″ ein rufschädigendes Karnevalsprogramm gefahren. Das Wort “liberal” scheint in grünen und sozialdemokratischen Kreisen traurigerweise nach wie vor eine Art Schimpfwort zu sein.

Jedoch erwarte ich von akademisch gebildeten Menschen (wie meinen Eltern) andererseits auch die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich mit den Kernthesen der politschen Gegnerschaft auseinanderzusetzen. Wo es sich ein gebildeter Mensch nicht vergibt, eine Meinung zu haben: Kann es dort zu viel verlangt sein, den Blick über das Geplänkel des politischen Tagesgeschäfts hinweg zu werfen und sich um eine Einsicht in das Wesen einer politischen Gesinnung zu bemühen? In Zeiten verschwimmender Grenzen zwischen Rot und Schwarz, links und rechts ist dies wohl dringender denn je.

Wenn ich also dieses Buch lese (wegen dem ich diesen Eintrag eigentlich schreiben wollte), habe ich einen Textmarker immer griffbereit. Praktisch jeder dritte Satz in diesem Buch ist aus sich heraus so einleuchtend, dass man ihn auf Plakate drucken und in der Republik aufhängen müsste. Ich hätte es viel früher lesen sollen – die Motivationskraft, sich für den Liberalismus einzusetzen, ist enorm. (Siehe auch eine Amazon-Rezension.) Zwar gilt die Enormität auch für den Redundanzgrad der einzelnen Kapitel, und einige Auslandsbetrachtungen ringen mir, nun zehn Jahre später, nur ein höhnisches Grinsen ab. (Wie schnell sich ein Blatt doch wenden kann.) Aber auch darüber: Muss man hinwegsehen können, wenn man die Kernaussage verstehen will.

Vielleicht kann ich ja den einen oder anderen Leser, der selbst auch “liberal” als Schimpfwort betrachtet, dazu animieren, sich Westerwelles Buch zu kaufen und sich mal ganz eigenständig (sic!) und kritisch-distanziert ein Bild zu machen (es kann nie schaden). Bei Amazon liegt der niedrigste Preis bei 0,01 €.

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