Trugbilderbuch

Das Buch “Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen” habe ich soeben ausgelesen. Mit einer Mischung aus Mitleid, Abscheu und Bewunderung las ich von Menschen, die bereit sind, 80, 100 oder auch mal 140 Stunden in der Woche zu arbeiten, um zur Consultantkaste dazuzugehören; aber auch von verwöhnten Wohlstandskindern, die in goldenen Käfigen bzw. Verwahranstalten ihrem Abitur regelrecht entgegendämmern und doch später ohne große eigene Anstrengungen auf den richtigen Sesseln Platz nehmen werden.

Was mir bei ersteren Kandidaten auffiel, ist der totale Mangel an Reflektion über den Sinn der eigenen Lebensentwürfe oder den der eigenen Kinder. Sicherlich ist es sehr aufopferungsvoll, sich für McKinsey in zehn Jahren halbtot zu arbeiten (und das ist keine Phrase). Bestimmt kann es in bestimmten Situationen nützlich sein, wenn ein achtjähriges Kind deutscher Abstammung sich fließend chinesisch unterhalten kann und zu diesem Zweck mit zwei Jahren bei Fastrackids abgegeben wird.

Die kleinen Ziele sehen diese Leute alle sehr klar und deutlich: Man muss früher anfangen, härter arbeiten, mehr leisten, besser sein, damit man mehr Meriten, mehr Fähigkeiten als andere anhäufen kann und in bessere Positionen in gesichtslosen Konzernen kommt, wo man noch mehr arbeiten kann, damit man viel mehr Geld verdient als andere Menschen.

Aber ein großes Ziel, zum Beispiel seine Berufung zu finden und das zu tun was man möchte, das sehe ich da nicht. Wie sollte das auch gehen, wenn man keine einzige Minute Zeit zum Nachdenken hat – demnächst noch nicht mal mehr in frühester Kindheit. Im Gegenteil, es wird erwartet, dass man funktioniert, es seinen Eltern, seiner Firma, seinem Blackberry recht macht. Wenn ein Kleinkind chinesisch lernt, dann nicht weil die Eltern wollen, dass es die großen chinesischen Philosophen lesen kann, sondern damit die Chinesen es später beim Vertragsabschluss für eine namenlose Firma nicht übers Ohr hauen bzw. damit es selbst vielleicht noch die Chinesen übers Ohr hauen kann.

Der Trost bei der Sache: Wer sich so verhält, kann langfristig nicht glücklich werden und diese Erkenntnis wird sich eines Tages durchsetzen. Ich denke, wer weise genug ist, wird sich nicht in diese Maschinerie begeben wollen. Und wenn die Konzerne, die solche Menschen beschäftigen, den Bach herunter gehen, wie wir es jetzt gerade sehen (Lehman Brothers etc.), weil sie nur die Hülle eines geistig-moralischen Vakuums sind, bekommen solche Unternehmen ihren Platz, die eine (andere) Philosophie haben. Nicht zuletzt kann man aus Reichtum nicht ableiten, jemand hätte ein erfülltes, befriedigendes Leben. Das Gegenteil ist wohl der Fall, und auf diese Menschen neidisch zu sein, ist so klug wie auf einen Gefängnisinsassen neidisch zu sein, weil er es schön warm hat und dreimal am Tag etwas zu essen bekommt.

Bislang 4 Kommentare

  1. anke 9. Oktober 2008 14:14

    Ach so, ich dachte bei dem Buch geht es darum, wie man Elite fördert und dass man Elite fördern soll z.B. durch Förderunterricht, durch Stipendium usw. Aber anscheinend ist das Buch ja ziemlich sarkastisch geschrieben, wenn ich deine Rezension lese?! Es seien Menschen, die sich mit hartem Lernen und Arbeiten quälten, um, ehm, ja, um was denn? Um immer mehr Geld zu verdienen, mehr mehr und noch mehr, ohne dabei den Sinn des Lebens einmal gefunden zu haben… (wenn ich dich richtig verstehe) Ja, es ist traurig, man könnte sogar meinen, dass solche Kinder nicht erzogen werden sondern gezüchtet werden, wenn ich so sagen darf????

  2. Manuel 9. Oktober 2008 14:26

    ja, das ist schon eine regelrechte Zucht. Der Grad zwischen dieser Zucht und einer gesunden Bildung ist wohl recht schmal, denn auch ich will ja meine Kinder nach Möglichkeit zweisprachig erziehen usw. – aber nicht, damit sie für jemand anderen besser funktionieren, sondern damit sie selbst mit ihrer guten Bildung ein kluges oder gar weises Leben führen können.

  3. anke 20. Oktober 2008 22:12

    (@ Benedikt: ich hoffe es ist in Ordnung, dass ich das Buch von Ihnen auch gelesen habe…)

    Da ich dieses Buch auch zu Ende gelesen habe, mache ich mir nun mehr Gedanken über den Begriff “Elite”. Die Autorin versucht in ihrem Buch möglichst neutral zu wirken, indem sie vorwiegend die Gesprächsinhalte mit den Eliten zusammengefasst wiedergibt. Jedoch merkt man, dass sie aus einer (relativ) links eingestellten Familie kommt, deshalb erscheinen mir ihre Meinungen manchmal ein bisschen radikal. “(…) dass ich mich langsam in die Furcht vor der Elite hineinsteigere” Phrasen wie diese, den Kontext berücksichtigt, finde ich einfach übertrieben. Man hat manchmal sogar den Eindruck, dass sie von Uni zu Uni geht, um Elite zu entlarven.

    Dabei finde ich den Begriff “Elite” an sich gar nicht schlimm. Schlimm ist, was jeder einzelne darunter versteht bzw. daraus macht. Im Buch werden hauptsächlich Aspekte wie Leistungselite, Reichtum (insbesondere Reichtum der Eltern), zugehörige Sozialschicht angesprochen. Sie stellen für mich zwar auch einen Teil des Wortes “Elite” dar, aber machen lange nicht allein eine Elite aus! Wer mehr leistet sei Elite, so behauptet der eine. Was ist denn mit Bauarbeitern und Feuerwehrleuten, sie arbeiten ja nicht weniger! Wer reich ist sei Elite, so behauptet der andere. Nun, abgesehen von Gates und Buffet, was ist denn mit den ganzen Stars: Paris Hilton, 50 Cent und co. sind sie denn Eliten? Das bezweifle ich, dass sie diesen Titel verdient haben. Man merkt, dass auch die Bildung eine wichtige Rolle spielt. Nun gut, sind alle, die in einem Forschungszentrum arbeiten, Eliten??? Wenn ja, dann können sich die Absolventen aus der EBS, aus der WHU usw.doch nicht ernsthaft behaupten, dass sie Eliten wären, da die ja zum Teil nur einen Bachelorabschluss in der Tasche haben. Gut, es kommt dann noch der Soft-Skills-Aspekt hinzu. Den Studenten an den “Eliteunis” werden diverse Trainingskurse angeboten, um frühzeitig die Führungsqualitäten zu erlernen. Nun, Führung, wer Führung übernimmt, sei es Unternehmer oder Top Manager, gehöre zur Elitegruppe. Aber was ist denn mit den geldgierigen und herzlosen Finanzhaien und den überüberbezahlten CEOs, die eigentich schon lange keine Lust mehr auf das Unternehmen haben und sich u.a. gegenüber den Aktionären unehrlich verhalten, damit diese immer wieder in eine Falle gelockt werden? Sind solche Leute wirklich elitär?? Schließlich erfüllen sie ja die oben genannten Kriterien: Leistung, Reichtum, hohe Sozialschicht und Bildung.

    Es wird im Buch glücklicherweise auch der Aspekt der Weltverbesserung angesprochen, obwohl kaum jemand von den Eliten wirklich in die Politik gehen will. Wenn dieser Aspekt noch dazukommt, sind wir der Sache schon wieder ein Stück näher. Aber was ich noch vermisst habe ist die Rolle der Erziehung. Es heißt im Buch, dass Eltern von vielen Kindern kaum Zeit für sie hätten, da diese selbst jeden Tag 15 Stunden arbeiteten. Ich frage mich nur, wie gut sie wohl erzogen sind. Es geht nicht darum, ob sie wissen welche Gabel man für welches Gericht nimmt oder wie man sich verhält, wenn man gegenüber seinem zukünftigen Arbeitgeber sitzt, sondern darum, ob sie wissen wie man ehrlich, zuverlässig und gewissenhaft mit Menschen umgeht, insbesondere Mitmenschen, die ihnen in irgendeiner Weise geholfen haben oder denen sie viel bedeuten, ob sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben, ob sie vielleicht auch ab und zu mal altruistisch sein können (oder nur an den eigenen Profit denken) oder ob Sie Respekt vor alten Menschen zeigen, die in ihren jungen Jahren auch was geleistet haben aber nun in Rente oder Pension sind und und und… dabei will ich gar nicht von den Kardinaltugenden und Sekundärtugenden sprechen, aber eine vermeintliche Elite, die vom Elternhaus keinerlei solcher Erziehung bekommt, ist für mich überhaupt nicht elitär.

    Daher bedeutet elitär für mich mehr oder weniger vorbildlich. Eine Elite ist jemand, den viele bewundern (nicht nur des Geldes oder der Herkunft wegen!). Ist ein Adeliger eine Elite, der zu nichts gebracht hat trotz seiner guten Herkunft? Sollen wir alle einen Finanzhaien als Vorbild nehmen, weil er Millionen angehäuft hat? Ist das Verhalten vorbildlich, wenn ein 19 Jähriger aus der EBS auf den Straßen eine alte Oma langsam über den Bürgersteig laufen sieht und sich ärgert, dass sie den Weg blockiert, und dabei noch denkt, ach, alte Menschen tragen sowieso nichts mehr zur Wirtschaft und Gesellschaft bei? Nein, meine Antwort lautet Nein.

    Ich bin mir ganz sicher, dass Eliten nach meiner Definition existieren, deren Familien sich in einer (relativ) hohen Sozialschicht befinden, die als kleine Kinder eine gute Erziehung vom Elternahus bekommen haben, die selbst fleißig sind und ein (sehr) gutes Studium hinter sich haben und danach eine (sehr) gut bezahlte Stelle finden. Dann werden sie ähnliche Menschen aussuchen und mit denen zusammen eine Familie gründen und Kinder bekommen… Dann fängt der “Zyklus” wieder von vorne an. “Meine Eliten” können durchaus in der einen oder anderen Lebensstation glänzen, sei es eine 1,0 im Dilpom oder eine “überbezahlte” Stelle, so dass sie auch nach paar Jahren schon Millionen aufm Konto haben können. Aber sie bleiben das VORBILD für den Rest, da das Gesamtpaket stimmt und kein lebenswichtiger Aspekt ihnen fehlt.

    Eine Frage bleibt: welche Abschlussnoten haben die ganzen Eliten an den Eliteunis? Spielen sie überhaupt eine Rolle oder schauen die zukünftigen Arbeitgeber nur darauf, aus welcher Uni sie kommen, und wenn EBS oder Bayerische Elite-Akademie auf dem Zeugnis steht, dann ist alles schön und gut?

  4. anke 20. Oktober 2008 22:29

    Ah, ich wollte noch hinzufügen, dass Privatschulen und Eliteunis für mich zweirangig sind. Ich habe nichts gegen sie, aber verachte nur Leute auf solchen Schulen (insb. solchen Schulen, da es ähnliche Menschen zwar auch auf staatlichen Schulen gibt, aber nur weniger), die NUR an Leistung und einen guten Verdienst denken oder die NUR von reichen Eltern dahin geschickt werden, aber selbst nichts taugen. Aber auch hier bin ich mir sicher, dass Eliten meiner Definition dort zu finden sind (nicht wie die Autorin, die scheinbar so sehr enttäuscht von den dortigen “Eliten” ist). Aber wahrscheinlich gibt es schon Eliten in meiner Umgebung! :-)

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