DIE ZEIT – Ausgabe 50/2009
Derzeit mal wieder kostenlos im Kurzabo, erhielt ich am Donnerstag eine fast gänzlich grüne (farblich und inhaltlich) Ausgabe. Sie handelte von Klima, CO2 und der vermeintlich absehbaren Vernichtung der Erde, zumindest so wie sie wir kennen. Nach der Morgenlektüre fühle ich mich heute sehr gehirngewaschen, aber meine Skepsis war zum Glück zuerst da. Sonst wäre sie jetzt sicher erschlagen. Aber den Prediger gegen den Klimawahn mache ich nicht schon wieder, da könnt ihr euch mal selbst eine Meinung bilden. (Nur zwei Links aus der Wikipedia, dann könnt ihr selber suchen: Kontroverse um die globale Erwärmung, Nir Shaviv)
Meine Kritik: Wieso schafft es noch nicht einmal DIE ZEIT, bei Themen des vorgeblich (!!) breitesten Konsenses eine ausgewogene Berichterstattung zu gewährleisten? Es ist ja nicht so, dass alle Wissenschaftler einer Meinung wären. Nun ist es ungeschriebenes Gesetz in den Medien allgemein: Die Leute wollen entweder etwas besonders Gutes oder etwas besonders Schlechtes lesen. Der Rest verkauft sich nicht. Außerdem schreiben alle von allen ab, schließlich ist es journalistische Hauptaufgabe, vieldiskutierte Themen auch gebührend zu würdigen. Das kann man Medienrummel nennen, oder auch “viel Lärm um Nichts”.
Die Medienlandschaft beschreibt daher konsequent das, was sie am besten kann, nämlich Krisen(szenarien). War es in meiner frühesten Kindheit noch die nahende Eiszeit, ist es jetzt eben die Erderwärmung. Die Mechanismen hinter der Erderwärmung werden unterschlagen (als ob jedes Molekül CO2 eine kleine Heizung wäre), der Rest der Debatte ist dann nur noch: Baue ich lieber Isolierglasfenster ein oder kaufe ich mir ein etwas weniger unverschämt ressourcenfressendes Kraftfahrzeug?
Aber dass DIE ZEIT sich dem Diktat der Einseitigkeit, der trotz ihrer Komplexität auf wenige Axiome reduzierbaren Welt, so kampflos unterwirft? Diese Instanz der freien Meinung, der ausgewogenen Berichterstattung? Geschenkt! Das “Problem” der US-Qualitätspresse, dass Minderheitenmeinungen in dieser Sache “zu viel” Raum gegeben würde, haben wir jedenfalls nicht. So suggeriert auch die 50. Ausgabe der ZEIT in diesem Jahr: Dass dem Eisbären die Scholle unter den Füßen wegschmilzt, wird direkt und alternativlos durch die Kohlenstoffverbrennung des Menschen bedingt. Der arme Bär! Und dass die acht Kinder einer Massai-Familie in Afrika nichts mehr zu essen haben, weil die Kühe verdursten, ist auch alles unsere Schuld. Weil wir Westler ja auch den tollen Tipp gegeben haben, im heißen Nichts acht Kinder zu bekommen. [Nachtrag und Erläuterung: Das letztere Beispiel bezieht sich direkt auf einen ZEIT-Artikel über eine Familie von Stamme der Massai, die aufgrund von Dürre ihre eigene Versorgung nicht bewerkstelligen können. Die Verantwortung der Industrienationen für die Lage dieser konkreten Familie wird von mir bestritten.]
Wenn aber das Kohlendioxid gar nicht verantwortlich wäre? Wurden dann vielleicht wieder mal 500g Zeitungspapier halbmillionenfach verschwendet? Der ZEIT entnehmen wir dieses Szenario nicht. Sie hält für uns nur die Prophezeiung parat, dass “vielleicht, in 40 Jahren eine TV-Serie wie “Man Men” [aktuelle Serie über die USA der 60er] einem kopfschüttelnden Publikum zeigt, was wir heute sind: irre.” Dem kann ich nur zustimmen, total irre, aber nicht so, wie der Redakteur sich das gedacht hatte.
Und ganz abseits der Kohlenstoffthese: Was, wenn die positiven Folgen des Klimawandels überwiegen, z. B. weil das (Nutz-)Pflanzenwachstum (zumindest in anderen Regionen als der Wüste) stark zunimmt, dank Kohlendioxid? Auch dieses Szenario: Mit keinem Wort erwähnt. Saubere Arbeit.
“Weil wir Westler ja auch den tollen Tipp gegeben haben, im heißen Nichts acht Kinder zu bekommen.”
Dafür streiche ich dir das Weihnachtsgeschenk! Wärst du Vorstand einer Bank und hättest das in einem Interview gesagt, und wäre ich schon freier Publizist und Soziologe, dann würde ich jetzt bei Kerner deinen Rücktritt fordern.
Im Ernst – wer Öffentlichkeit hat, sollte mit solchen Aussagen lieber vorsichtig sein. Und das hat nichts mit politischer Korrektheit zu tun. Es transportiert ein dummes, weil unreflektiertes Vorurteil (und suggeriert ein kollektives Selbstverschulden der Afrikaner an ihrer Situation.)
Und welches Vorurteil wäre das? Wenn Menschen in Gebieten mit extremer Nahrungsmittelknappheit acht Kinder bekommen, dann sind sie für mich schuld, dass ihre Kinder hungern müssen. Der Westen hilft dann für gewöhnlich mit Rockkonzerten und Reisladungen, erzieht so die Menschen zur Abhängigkeit und wundert sich hinterher, dass es nicht geholfen hat. Insofern sind wir dann tatsächlich mitverantwortlich.
Du solltest Menschen nicht verurteilen, wenn du ihre Motive nicht kennst.
Möglicherweise…
a)…sind die Menschen sexuell nicht aufgeklärt
b)…haben die Menschen keinen Zugang zu Verhütungsmitteln
c)…besteht ein gesellschaftlicher, konformistischer “Zwang” zu Kinderreichtum
Etc.pp.
Das sind nur ein paar hypothetische Beispiele, die mir spontan einfallen.
Sicher bin ich allerdings, dass die Idiotendichte in Afrika nicht höher ist, als anderswo. Dementsprechend ist es für mich schwer nachzuvollziehen, wie man eine Bevölkerungsgruppe als Ganzes so pauschal verurteilen kann; nach dem Motto “Die sind alle Trottel und kriegen tausend Kinder obwohl sie diese nicht ernähren können”.
Dein Reisladungsargument zieht auch nicht. Willst du ernsthaft behaupten, dass Millionen Afrikaner mit dem Leben ihrer (ungeborenen) Kinder spielen, indem sie darauf spekulieren, dass demnächst schon wieder mal eine Lieferung Nahrung kommen wird.
Ich merke gerade, dass deine gesamte Argumentationslinie Unsinn ist.
Wenn die Familie Kühe hat (wer dafür verantwortlich ist, dass sie später verdursten, sei dahingestellt), dann haben sie ihre Kinder nicht “ins heiße Nichts” geboren, sondern hatten ihre Nahrungssicherheit quasi draußen auf dem Feld stehen.
Deine Aussage ist Mist! Unreflektiert, unüberlegt, unlogisch, populistisch und tendenziös rassistisch. Basta.
Wenn ich es richtig verstehe, findest du also meine Aussage, dass der Westen nicht für den Kinderreichtum der in der ZEIT vorgestellten Familie verantwortlich und haftbar gemacht werden kann, falsch. Im Umkehrschluss heißt das dann also, dass wir tatsächlich schuld sein sollen.
Anstatt meine Ansicht zu kritisieren, weil sie dir nicht in dein gerechtes Weltbild passt, und allerlei Deutungen hinzuzuaddieren, könntest du ja einfach eine Argumentation für deine Gegenthese aufmachen?
Zum Thema Entwicklungshilfe: Es ist schon lange kein Ökonomen oder der UN vorbehaltenes Geheimnis mehr, dass westliche Nahrungsmittellieferungen die landwirtschaftlichen Strukturen vor Ort zerstören. Das meinte ich mit Abhängigkeit. Humanitäre Hilfe hin oder her: Sie stört das Gleichgewicht von Nahrungsangebot und Bevölkerungszahl massiv, und das haben wir uns zuzuschreiben.
Hi,
da muss ich Julian völlig recht geben. Ohne die Afrika-Debatte weiterführen zu wollen ist deine Äußerung oben einfach extrem unreflektiert und engstirnig. Und ja, als Politiker hättest du dir damit eine Zielscheibe auf die Stirn geklebt, die wirklich leicht zu treffen wäre.
Aber genug davon. Ich hab hier noch was zum Thema “Die in Afrika”. Ein grandioser Vortrag, der uns durch animierte Statistiken vor Augen führt, wie beschränkt doch unser aller Bild dieses Kontinents bzw. der weltweiten Entwicklungstrends der letzten 30 Jahre ist.
http://www.ted.com/talks/hans_rosling_shows_the_best_stats_you_ve_ever_seen.html
So, genug Abschweifung
ciao
Interessantes Video, aber mir ist unklar, was das mit dem Thema zu tun hat. Ich habe nie bezweifelt, dass die Welt sich heterogen entwickelt und dass Afrika nicht gleich Afrika ist.
Mithin habe ich den Eindruck, dass meine kurze Referenz auf einen Beitrag in der ZEIT, in dem – im Kontext von Artikeln zum Thema Klimaveränderung – von der schwierigen Lage einer zehnköpfigen Familie vom Stamme der Massai berichtet wird, von euch
1. als erdachtes plakatives Beispiel missverstanden (meine Schuld, da das Eisbärbeispiel tatsächlich erfunden war)
2. als Indikator für meine Ahnungslosigkeit von der Welt gedeutet wird.
Vielleicht sollte ich es nochmals abstrahieren: Wenn Menschen freiwillig in einem Gebiet leben, das eine Subsistenzwirtschaft nicht gestattet, dann kann die Verantwortung für Hungersnot nicht in die erste Welt abgeschoben werden. Weitergehende Deutungen sind von mir nicht gewünscht!
Heute wurde ich benachrichtigt, dass ein – vermutlich sinnwahrend gekürzter – Teil meines Eintrags auf der Leserbriefseite der Ausgabe 52 abgedruckt wurde.