Wie man mit viel Geld Armut vermehrt

Bitte, nehmt euch ein paar Minuten Zeit und lest dieses Essay. Der Autor erklärt, warum dauerhaft existenzgarantierende Sozialhilfe bittere Folgen für einen Staat hat, weil sie für eine ganze Schicht die ökonomisch beste Wahl ist. Gefunden beim Antibürokratieteam.

Bislang 2 Kommentare

  1. PP 21. Februar 2010 00:31

    Dieses Essay verursacht bei mir Unbehagen bis Abscheu und zwar aus folgenden Gründen:

    Der Autor verfolgt mehr oder weniger gut versteckt sozialdarwinistische Thesen. Am deutlichsten zeigt er dies, wenn er über den Bevölkerungsrückgang in Deutschland folgende Rechnung aufmacht: „Für die Nettoreproduktion von 2,1 Kindern pro Frauenleben wären jedoch 1,1 Millionen Geburten erforderlich. Es fehlen pro Jahrgang also von vornherein 420 000 Kinder. Zählt man zu den Nichtgeborenen die 170 000 Nichtausbildungsfähigen unter den Geborenen hinzu, dann liegt der jährliche Fehlbestand bereits bei knapp 600 000.“ Die Nichtausbildungsfähigen (zu denen auch Behinderte gehören) als Fehlbestand zu betrachten, errinnet sehr an das „lebensunwerte Leben“ zu Zeiten Hitlers.

    Was mich auch sehr unangenehm berührt ist die emotionslose Art, wie über Frauen und Kinderkriegen schreibt: „Gleichwohl haben die Frauen das gesamte Programm der Verhütung zur Verfügung. Niemand muss wegen äußerer Zwänge Kinder in die Welt setzen.“ An anderer Stelle steht: „Dabei handeln diese Frauen genauso rational wie andere Subventionsempfänger auch.“

    Störend für mich sind offensichtlich unzulässige Vergleiche. Zum Beispiel kann man nicht absolute Zahlen von durch Mütter geführte Haushalte der Jahre 1964 und 1994 in den USA vergleichen: „Während 1964 lediglich eine Million von Müttern geführte Familien mit vier Millionen Mitgliedern Sozialhilfe beziehen, explodiert ihre Zahl bis 1994 auf fünf Millionen Haushalte mit 14 Millionen Menschen.“ In dem Zeitraum ist die Bevölkerung nämlich um rd. 68 Mio. gestiegen, sodass mit relativen Zahlen gearbeitet werden müsste (http://www.census.gov). Man muss außerdem auch bedenken, dass der Status „alleinerziehende Mutter“ eine modernde Lebensform ist, die sich seit den 60er Jahren entwickelt hat. Ehe und Familie haben nicht mehr den früheren Stellenwert.

    Unredlich ist es Ursache und Wirkung umzudrehen: „Wieder passiert etwas scheinbar Widersininges. Obwohl Amerika seine Ausgaben gegen Armut herunterfährt, nimmt die Zahl der Armen nicht etwa zu, sondern ab. Erhalten am Vorabend des Gesetzes im Jahre 1996 noch 12,2 Millionen Bürger Sozialhilfe, so sind es 2005 nur noch 4,5 Millionen“. Es ist ja nicht widersinnig, sondern plausibel, dass entsprechend weniger Bürger Sozialhilfe bekommen haben. Das war doch gerade besonders durch die Befristung der Sozialhilfe auf max. 5 Jahre beabsichtigt.

    Problematisch finde ich, wenn das Gewähren von Sozialhilfe für Frauen mit der Förderung von Gewaltkriminalität in Bezug gesetzt wird. Der Rückgang der Morde in New York ist sicher Fakt: „Neben der Politik des Bürgermeisters Rudy Giuliani hat Bill Clintons Gesetzesänderung einen Beitrag zu der neuen Blüte geleistet. Die Zahl der Morde sank von 1990 bis 2009 um fast 80 Prozent, von 2245 auf 461.“ Diese Entwicklung wird tatsächlich Giulianis Null-Toleranz-Strategie zugeschrieben. Der Autor will hier aber vermutlich an seine Theorie anknüpften, die lautet: „Schuld an Kriegen sind die Mütter“ (http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/literatur/?em_cnt=1062444&em_cnt_page=1).

    Bei der Begriffswahl fällt auf, dass ausschließlich der Begriff Sozialhilfe verwendet wird. Nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) wird aber unterschieden zwischen Sozialhilfe und SGB II-Leistungen (Arbeitlosengeld II und Sozialgeld). Die angegebene Zahl von elf Prozent der Einwohner, die in Deutschland von Sozialhilfe leben, ist deshalb nicht ganz korrekt. Mit den Zahlen von http://www.statistik-portal.de komme ich auf 4,3 % Bevölkerungsanteil der Sozialhilfe bezieht, der überwiegende Anteil sind vielmehr SGB II-Leistungen. Beides zusammen wird als soziale Mindestsicherung bezeichnet und müsste auch so benannt werden. Dann würde auch der Unterschied zu den USA klarer herauskommen, die unter Sozialhilfe etwas verstehen, das sich auf niedrigem Niveau bewegt.

    Interessant ist auch, dass der Begriff Arbeitslosigkeit in dem Essay überhaupt nicht auftaucht. Offenbar gibt es sie im Weltbild des Autors nicht oder sie passt nicht hinein.

    Sehr populistisch finde ich die fiktiven Reden, z.B. „Aber diese Nationen kämen niemals auf den Gedanken, Deutschland zu imitieren. Wenn wir – so argumentieren sie – die Zuwanderer erst durch viele Milliarden klug machen sollen und das womöglich schiefgeht, haben wir in der globalen Konkurrenz doch gleich verloren.“

    Der Stil dieses Essays verstellt für mich leider den Blick für die sicher auch vorhandenen Wahrheiten.

  2. Manuel 21. Februar 2010 00:58

    Lieber Peter, das war mit Sicherheit der am besten recherchierte Kommentar in meinem gesamten Blog, vielen Dank dafür. Du hast mir viele Punkte in dem Essay offenbart, die mir nicht aufgefallen waren!

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