Ein Kommentar über extracurriculares Engagement, allseitige Bildung an der Universität und die Gründe, als Student oder Assistent seine Zeit in eine Hochschulgruppe zu investieren [eingereicht als Leserbeitrag zu den Publikationen an der TU Kaiserslautern]
Sich neben dem Studium ehrenamtlich an der Universität zu engagieren, hat in unserem Land insbesondere im Bereich der Völkerverständigung, der Musik, des politischen Nachwuchses oder auch der Ingenieursverbände eine gewisse Tradition. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Spektrum des Angebots noch einmal deutlich vergrößert, z. B. durch Debattierclubs oder studentisches Consulting.
Es mag verschiedene Motive geben, seine Zeit für eine Hochschulgruppe aufzuwenden. Vom reinen Idealismus, etwas Gutes zu bewirken, über die Freude an einer gemeinsamen Aktivität bis hin zur Vorbereitung der eigenen beruflichen Karriere sind sie alle in meinen Augen legitim. (Jedenfalls so lange, wie ein Posten mit Leben erfüllt wird und nicht den einzigen Zweck hat, gut im Lebenslauf auszusehen.) (Vgl. auch Ludwig Merker: Engagement, Studienerfolg und Berufserfolg, Dissertation, Bayreuth 2009; Volltext im Internet verfügbar)
Ganz essentiell ist das Engagement neben dem Studium z. B. in den USA, wo eine Vielzahl an solchen Aktivitäten das Leben auf dem Campus abwechslungsreich und spannend gestaltet. Eine amerikanische Top-Universität wäre nicht vorstellbar ohne diesen integralen Bestandteil der Ausbildung. Ebenso wichtig wie das fachliche Studium ist dort, dass man seine Persönlichkeit während des Studiums fortentwickelt – auch weil das Studieneintrittsalter deutlich unter dem deutschen liegt, somit also noch viel Entwicklungspotential besteht. Mit anderen Worten: Freshmen (Studienanfänger) sollen dort Zeit und Gelegenheit haben, um von einer fruchtbaren Atmosphäre zu profitieren und eine allseitig (!) gebildete Persönlichkeit zu entwickeln.
Was die Amerikaner können, können wir schon lange, dachte man sich hierzulande also und hat begonnen, Soft-Skills-Veranstaltungen in manche neuen Curricula zu integrieren. Jedoch ist es ungewiss, welche Inhalte eines im ersten oder zweiten Semester belegten Kurses nach dem Ende des Studiums noch präsent sind. Wie man hört, sollen an manchen anderen Universitäten Soft Skills gar über Vorlesungen vermittelt werden (!) – ein äußerst fragwürdiger, wenn nicht unsinniger Ansatz.
Halten wir also zunächst fest: Selbst ein durchdachtes und mit viel Einsatz umgesetztes Lehrkonzept im Bereich Soft Skills, wie am FB WiWi der TU KL, kann nur einen geringen langfristigen Nutzen für den einzelnen Studenten haben, sofern zwei (immerhin) verpflichtende Workshops einziger Kontakt mit Soft Skills in seinem Studium bleiben. Die tatsächliche Umsetzung dieses Wissens kann nicht in Form von Workshops geschehen – die Kenntnisse müssen extracurricular zur Anwendung kommen. Hier schließt sich der Kreis: Wer das realisiert, kommt an den Hochschulgruppen als Trägern eines permanenten Lernprozesses für Soft Skills (und Schlüsselkompetenzen allgemein) überhaupt nicht vorbei.
Dennoch scheint es, dass das Bekenntnis zur Persönlichkeitsbildung an der TU KL mit der Einbeziehung eben jener Workshops in das Curriculum der B.Sc. am FB WiWi auch schon seine Grenze erreicht hat. Anreize für Engagement werden darüber hinaus nicht gesetzt; eine institutionelle Würdigung für (besonderes) Engagement seitens der Universität ist ebenfalls nicht erkennbar; von einer Anerkennung der ungezählten lehrreichen Arbeitsstunden als fachlicher Leistung ist ganz zu schweigen. Allein der gremienfreie Mittwochnachmittag ist lange schon Geschichte.
Dem zum Trotz haben viele Studierende für sich erkannt, dass sie selbst enorme Vorteile von einem Engagement an der Hochschule haben – auch ohne, dass die TU KL ihnen dafür den roten Teppich auslegte. Einerseits ist dies die Gewissheit, sich für eine bestimmte Idee oder Vision eingesetzt zu haben und dem Ziel, gerade als Team, einen Schritt näher gekommen zu sein. Diese Erfahrung alleine kann ich jedem nur wünschen. Aber das ist bei weitem nicht alles! Viel wichtiger noch, und nach meinem Eindruck extrem unterschätzt, ist die erwähnte Fortentwicklung der eigenen Persönlichkeit: Denn nicht nur amerikanische Studenten haben dafür einen Bedarf. Die Entwicklung der sog. Schlüsselqualifikationen wie Selbst- und Sozialkompetenz durch Engagement ist zwar kaum planbar; ferner korreliert die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit meiner Erfahrung nach mit ihrem Vorhandensein (es handelt sich also um ein Henne-Ei-Problem). Gerade aus diesen Gründen aber möchte ich diesen Vorzug eines aktiven Engagements besonders betonen und jedermann ins Bewusstsein rufen.
Es lohnt sich also, sein Studium und sein Leben frühzeitig und dauerhaft mit einem oder mehreren Engagements zu bereichern. Dies ist mithin Ursprung einer aktiven Bürgergesellschaft – einem wichtigen Bestandteil reifer Demokratien, der selbst in der EU keine Selbstverständlichkeit ist, obgleich essentiell für den inneren Frieden in einem Land. Memento Ungarn, wo niemand sich gegen den erstarkenden Rechtsextremismus auflehnt!
Überspitzt formuliert, mein Schlusswort: Während mancher Kommilitone auf dem persönlichen Entwicklungsstand eines Schülers, d. h. Kindes verharrt (im „besten“ Fall vor dem Lehrstoff, ansonsten z. B. vor dem Fernseher oder dem Spiel „World of Warcraft“ am PC), setzen andere ihre Zeit gewinnbringend ein. Niemand kann zu seinem Glück gezwungen werden. Jedoch kann ich jedem nur ans Herz legen, sich darüber klar zu werden, worauf er einmal mit seinem Diplom-/M.Sc./B.Sc-Zeugnis in der Hand zurücksehen will. Die vielen Chancen der Studienzeit kommen nicht wieder. Es liegt in eurer Hand!